Papa-Mädchen

Neben meiner Mama als Vorbild hat mein Papa einen ganz wesentlichen Teil dazu beigetragen, dass ich heute von mir sage, dass ich eine selbstbewusste und eigenständige Frau bin. Ich bin ein echtes „Papa-Mädchen“, sagt zumindest meine Mama … bis hin zu dem leisen – und eigentlich schönen – Vorwurf, dass wir immer zusammenhalten.

Ich glaube, dass Väter eine ganz wesentliche Rolle spielen, wenn es darum geht Töchter zu stärken. Bei mir zumindest war es sicher so. Wenn ich zurückblicke fällt mir Einiges ein, warum das so sein könnte.

Er hat mich so sein lassen, wie ich war bzw. wollte.
Ich erinnere mich an unzählige Gelegenheiten, wo er mir zur Seite stand. Er hat mich in meinen Entscheidungen unterstützt, selbst wenn er sie manchmal nicht nachvollziehen konnte. Einzige Forderung war, dass ich über meine Handlungen nachdenke – ausgiebig – bevor ich ihnen nachgehe.
Ich war 14, als ich mein Nasenpiercing wollte … VIERZEHN. Ich hab ihn zwar kalt erwischt, als ich ihn um Erlaubnis bat (schließlich braucht man in dem Alter noch eine schriftliche Einverständniserklärung der Eltern), aber er hat mir vertraut. Er verlangte von mir, dass ich zwei Wochen warte und darüber nachdenke (bei anderen Gelegenheiten war diese Länge der Bedenkzeit völlig ausreichend, damit ich es mir anders überlegte). Nach exakt zwei Wochen ließ ich es stechen und ich war sehr gespannt auf seine Reaktion – ehrlich gesagt, rechnete ich mit einer Rüge. Als er das Piercing sah, sah er mich an – er hatte nicht damit gerechnet, dass ich es machen lasse, das sah ich – und sagte dann zu mir „ja, es steht dir gut.“
Das ist jetzt über 20 Jahre her, ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Ich fühlte mich großartig und schön. Und das Piercing trage ich seitdem mit Stolz.

Er hat immer an mich geglaubt und mir gesagt, dass ich alles schaffen kann.
Ob es Schularbeiten, Referate oder Aufnahmeprüfungen waren. Oft genug zweifelte ich an meinen Fähigkeiten. Wenn mein Vater merkte, dass ich unsicher war oder nicht mehr weiter wusste, baute er mich immer auf. Schienen die Probleme übermächtig, hat er sie für mich wieder ins rechte Licht gerückt. Er hat mir immer das Gefühl gegeben, dass nichts stärker ist als ich.

Er hat mir gezeigt, dass ein Fehlschlag nichts Schlechtes ist, wenn man daraus lernt.
Immer wieder geht etwas schief, läuft etwas nicht wie geplant, verspekuliert man sich. Aber anstatt an einer Fehlentscheidung zu verzweifeln oder einer entgangenen Chance nachzuweinen, anstatt auf Fehlern herumzureiten und sich Vorwürfe zu machen hat mein Papa mir gezeigt, wie ich Nutzen daraus ziehen kann. Sich den Fehler anschauen, Lehren ziehen, nächstes Mal anders machen.

Er hat mir gezeigt, dass man hartnäckig sein muss.
Ich bin klein. Das ist unangenehm: man kommt an Dinge nicht heran, normale Größen passen nicht, man wird gehänselt, es wird einem gesagt, dass man etwas nicht machen kann, weil man zu klein ist. … kommt meinen Leserinnen jetzt bekannt vor? Ja, als Frau kennt man das. Mein Papa ist aber auch klein … er kennt das auch. Für mich war das ein Vorteil. Ich habe von Anfang an gelernt, dass es, um Dinge zu erreichen, die nicht unbedingt für einen gedacht sind, alternative Strategien braucht. Schlagfertigkeit, Tricks, wie man an etwas rankommt, Hartnäckigkeit und das Wissen, dass Größe nicht alles ist.

Er hat mir klar gemacht, dass man rebellieren muss, wenn man Veränderung will.
Mein Vater hat den Ruf des „Dorfrebells“. Früh hat er mich daran teilnehmen lassen, dass man mit Entscheidungen, die über einen hinweg getroffen werden nicht einverstanden sein muss. Dass es nicht hilft über ein Problem zu jammern oder zu warten bis jemand anderes sich darum kümmert, sondern dass man selber aktiv werden muss. Das jedes Handeln Konsequenzen hat, hab ich dabei ebenso gesehen und gelernt.

Er hat keinen Unterschied gemacht.
Ich habe einen Bruder. Und obwohl ich mir recht sicher bin, dass es durchaus Aussagen gab wie „das ist nichts für Mädchen“, habe ich in Erinnerung, dass er mir dieselben Möglichkeiten bot, wie ihm. Wollte ich etwas wissen, hat er mir es erklärt. Ich hatte genauso Zutritt in die Werkstatt wie mein Bruder. Ich durfte das Werkzeug genauso verwenden wie er. Er wollte, dass ich alles selber mache und hat mich darin unterstützt. Er hat mir nie etwas aus der Hand genommen, wenn ich es falsch verwendete, sondern mir gezeigt wie es richtig geht.

Er hat in meiner Gegenwart nie abfällig oder abwertend über Frauen gesprochen. Niemals.

Er hat einen Grundstein gelegt für mein Selbstverständnis als Frau, in dem er mir gezeigt hat, dass er mir vertraut, mich wertschätzt, und ernst nimmt – einfach als Mensch, nicht als Mädchen.

 

 

 

 

 

 

 

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